Die Zeugen Jehovas

Die Zeugen Jehovas (ZJ) sind wohl die bekannteste religiöse Sondergemeinschaft in Deutschland. Sie gelten als die "Sekte" schlechthin. Dachorganisation der ZJ ist die "Wachtturmgesellschaft" (WTG) sowie seit 1971 eine sogenannte "Leitende Körperschaft". Die Mitglieder und Sympathisanten nennen sich "Jehovas Zeugen" (vgl. in der Bibel, das Buch Jesaja 43, 10) und sind zumeist menschlich glaubwürdig und engagiert. Sie werden jedoch von der WTG-Organisation in recht einseitiger Weise geschult.
Gründung
Am Anfang der Bewegung stand Charles Taze Russell (1852-1916). Russell hatte als junger Mensch unterschiedliche Kirchen kennengelernt und verschiedenes Glaubensgut in sich aufgenommen, so auch die für die späteren Zeugen Jehovas wichtige Überzeugung von der Berechenbarkeit und Datierbarkeit des Weltendes. Zunächst erwarteten Russell und seine Freunde für 1872/73 das Ende der Welt und die sichtbare Wiederkunft Christi. Als dieser Zeitpunkt verstrichen war, hoffte man auf das Jahr 1874. Nachdem sich die Wiederkunft Christi auch da nicht ereignet hatte, gründete Russell einen eigenen Bibelstudienkreis. Ab 1879 gab er eine Zeitschrift heraus, den "Zion’s Watch Tower and Herald of Christ’s Presence", den späteren "Wachtturm". Russell wollte überkonfessionell wirken und keine neue Sekte gründen. Er investierte sein nicht geringes Vermögen in das von ihm gegruendete Verlags- und Missionswerk, in die "Zion’s Watch Tower Tract Society" (heute: "Watch Tower Bible and Tract Society of Pennsylvania"). Ein Schwerpunkt der Botschaft der neuen Bewegung war die Verheißung, daß mit dem Jahre 1914 das Koenigreich Gottes auf der Erde in Gestalt eines großen Friedensreiches beginnen werde. Als auch diese Prophezeiung nicht eintrat, wandten sich viele Zeugen Jehovas enttäuscht ab. Russell starb 1916.
Die Entstehung einer straff geführten Organisation
1917 wurde Joseph Franklin Rutherford (1869-1942) Russells Nachfolger. Er machte die Bewegung zu dem, was wir heute unter den Zeugen Jehovas verstehen: Er formte die nur lose miteinander verbundenen Versammlungen zu einer straff geführten Organisation, in die "Theokratische Organisation" der "Zeugen Jehovas". Rutherford entfernte die demokratischen Strukturen: Die frei gewählten Ältesten wurden durch eingesetzte Versammlungsleiter ersetzt (sog. "Dienstkomitees"). Aus engagierten Laien und interessierten Bibellesern ("Bibelforschern") wurden geschulte "Wachtturm"-Verkäufer. Rutherford perfektionierte die bekannten Besuche von Haus zu Haus. Auf ihn gehen auch die monatlichen Predigtdienstberichte, die jährlichen Kongresse sowie das System der "Königreichssäle" (Versammlungsräume der ZJ) zurück. Die sogenannte "Leitende Körperschaft" in Brooklyn bezeichnet sich seit Rutherfords Wirken als "Offenbarungs- und Verbindungskanal Jehovas". Ihren Anweisungen und Bibelinterpretationen ist genau zu folgen.
Nach Ruetherfords Tod 1942 wurde Nathan Homer Knorr (1905-1977) Präsident der WTG. Allein in den Jahren 1939 bis 1948 verfünffacht sich die Zahl der "Verkündiger" (die aktiven Zeugen) auf 230 532 in fast 100 Ländern. 1971/72 installiert Knorr das sog. "Ältestenamt", in das Funktionäre aufgenommen werden, die sich durch besonderes Engagement für die ZJ qualifiziert haben. Der Präsident verlangt strenge Disziplin. 1977 wurde Frederic William Franz (1893-1992) im Alter von 84 Jahren sein Nachfolger; seit dem 30. 12. 1992 ist Milton G. Henschel Präsident.ZJ in Deutschland
2002 gab es weltweit etwa 6 Mio. "Verkündiger". Ein nennenswertes Wachstum verzeichnet die Organisation in Osteuropa und in Lateinamerika. Die Zeugen Jehovas sind eine der missionarisch aktivsten Sekten in Deutschland. Zu besonderen Anlässen werden sog. "Sonderfeldzüge" ausgerufen. In Deutschland sind derzeit etwa 150 000 Verkündiger tätig. Da Jehovas Zeugen immer noch Neuzugänge (Taufen) verzeichnen, aber dennoch über rückläufige Mitgliederzahlen klagen, muß man vermuten, daß jährlich viele Menschen die Organisation verlassen. Die Zentrale für Deutschland befindet sich in Selters im Taunus. Hier werden jährlich mehr als 12 Mio. Bücher und über 100 Mio. Zeitschriften hergestellt. Ein Großteil dieser Produktion geht ins Ausland.
Besonderheiten der Lehre
Grundlage der Überzeugungen der ZJ ist die christliche Bibel in der von der Wachtturmgesellschaft genehmigten Auslegung. Sie wird als wörtlich inspiriert angesehen. Jede Bibelstelle gilt einer anderen gleichwertig. Daher argumentieren Zeugen Jehovas häufig mit biblischen Aussagen in einem völlig anderen Kontext als dem der Heiligen Schrift. Verstärkt wird dieses recht willkürliche Verfahren durch eine eigene Bibelübersetzung, die sog. "Neue-Welt-Übersetzung". Hier haben viele Begriffe aus dem Sprachgebrauch der Zeugen Eingang gefunden. Eine der gravierendsten Veränderungen in dieser Übersetzung besteht darin, daß an 237 Stellen der (angebliche) Gottesname "Jehova" in den Text des Neuen Testaments aufgenommen wurde, obwohl dieses Wort im Urtext nicht vorkommt. Die Zeugen gehen davon aus, daß Gott seinen heilsgeschichtlichen Zeitplan in der Bibel verborgen niedergeschrieben hat. Sie leben in der Erwartung der Errettung am Ende der Welt. Die Zeugen Jehovas glauben nämlich, daß 144000 von ihnen am Tage des jüngsten Gerichtes (vgl.Offenbahrung 14:1,3 sowie 7:3,4) als Auserwählte zusammen mit Jesus in den Himmel kommen und dort regieren.
"Der Wachtturm" erscheint in 132 Sprachen in einer Auflage von 22 Mio., "Erwachet!" hat 19 Mio. in 83 Sprachen. Beide Hefte kommen zweimal im Monat heraus und sind in jüngster Zeit deutlich "moderner" und ansprechender gestaltet. Die WTG bzw. die Zeugen Jehovas kennen keine Ökumene, das heißt, sie halten sich für die einzigen richtigen Christen. Andere Kirchen oder Weltreligionen werden radikal abgelehnt und als Formen "falscher Religion" abgetan. Bei den Zeugen heißt Glauben in erster Linie "fortschreitende Erkenntnis" aufnehmen und verbreiten, also über ein abfragbares Bibelwissen zu verfügen.
Bluttransfusionen, selbst wenn sie lebensrettend und medizinisch dringend geboten sind, werden unter Hinweis auf Apostelgeschichte 15, 29 und alttestamentliche Stellen abgelehnt. Dem ist entgegenzuhalten, daß an den angegebenen Stellen keine Bluttransfusionen gemeint sind.
Der Alltag
Das Leben eines Zeugen Jehovas ist durch Vorgaben der WTG streng geregelt, auch wenn nicht jedes Verbot als ausdrückliches Verbot in den Publikationen genannt ist: Jehovas Zeugen wissen sehr genau, was erlaubt ist und was Jehova (bzw. die WTG) nicht wünscht. So ist persönlicher Umgang mit Menschen, die keine Zeugen Jehovas sind, in der Regel zu vermeiden. Die Lektüre kritischer Bücher und erst recht die Lektüre von Aussteigerliteratur gilt als verwerflich. Die Mitgliedschaft in Sportvereinen usw. war lange Zeit verpönt.
Viele Feste (Weihnachten, Geburtstage, Fasching etc.) werden als "heidnisch" abgelehnt. Parteien, Gewerkschaften usw. werden kritisch gesehen. Viele Jahre war den ZJ nicht nur der Wehrdienst, sondern auch der Zivildienst verboten. Ähnliches gilt für die Teilnahme an Wahlen: Viele Jahrzehnte haben Jehovas Zeugen an keiner Wahl teilgenommen. In jüngster Zeit zeigt man in dieser Frage zwar nach außen Kompromißbereitschaft, es ist jedoch davon auszugehen, daß die kritische Haltung zum Staat beibehalten wird.Die Zeugen Jehovas beeindrucken durch ihr persönliches Engagement, ihre Rastlosigkeit und ihr oftmals glaubwürdiges Auftreten. Aber dies ist nur die eine Seite. Hinter ihrer Fassade erweist sich diese Gemeinschaft als restriktive Organisation, die von ihren Anhängern blinden Gehorsam erwartet und für kritische Rückfragen, Einwände oder Bedenken keinen Raum hat. Die Wachtturmgesellschaft schuf ein geschlossenes ideologisches System, das jedem einzelnen seinen Platz zuweist. Mehr noch: Die Organisation verspricht ein Überleben des Weltendes durch Zugehörigkeit zu ihr und durch fortwährende Beteiligung an deren Werbeaktivitäten (Zeugen, die schweigend mit dem "Wachturm" in der Hand in Fußgängerzonen stehen.)


Für diesen Text diente als Vorlage unter anderem:
Dr. Andreas Fincke, Mai 2000