Devisenspekulation
"Bei Devisenspekulation werden alle möglichen Finanzinstrumente wie Optionen, Calls und Puts, Swaps usw. eingesetzt. Das gezielte Verbreiten von bestimmten "Informationen" über die wirtschaftliche Lage eines bestimmten Landes dient dazu, die Währung des betreffenden Landes zu erwerben bzw. abzustoßen, je nachdem Abwertung oder Aufwertung erwartet wird.
Das Verständnis für die Effekte solcher Aktionen auf die Wirtschaft
des betreffenden Landes setzt Kenntnisse über Zahlungsbilanz und
volkswirtschaftliche Gesamtrechnung voraus. Im allgemeinen kann man aber
folgendes sagen:
1. Unplanmäßige Abwertung als Folge von Devisenspekulation
führt zur Verteuerung von Importen. Leidet ein Land z.B. unter wirtschaftlicher
Stagnation und unbefriedigender Nachfrage, führt diese Abwertung
zur Verschärfung der Lage. Außerdem führt dies zu Umschichtungen
in den Portfolios der Vermögenden des Landes; sie werten Bestände
in eigener Währung zu Gunsten der Bestände in Fremdwährung
um. Eine Abwertungsspirale kommt in Gang. Das Land versucht dann durch
Verkauf von Devisenbeständen der Zentralbank diese Bewegung aufzuhalten,
oft vergeblich. Ergebnis: das Land verliert einen großen Teil seiner
Devisenreserven bis zu einem Punkt, wo es die Rechnungen des Auslandes
(etwa Rechnungen für Rohölprodukte) nicht mehr bezahlen kann.
Kollaps droht, der IWF muss einspringen und die Auslandverschuldung nimmt
drastisch zu. Die Ressourcen müssen dann verstärkt zu Gunsten
der Schuldenbedienung und zu Lasten etwa der Sozialausgaben umgeschichtet
werden.
2. Unplanmäßige Aufwertung (seltener) führt zur Verteuerung
der Exporte. Für solche Länder, die einen großen Teil
ihres Wirtschaftsprodukts exportieren, bedeutet dies einen Rückgang
der Verdienste und des Wachstums. Das Gegensteuern der Zentralbank durch
den Verkauf der eigenen Währung und Ankauf der Fremdwährung
bedeutet zwar eine Erhöhung der Reserven an Devisen, aber diese hohen
Reserven werden bezahlt mit Arbeitslosigkeit im Exportsektor. Die USA
haben die Aufwertung des Dollar gegenüber dem Euro durch ständiges
Hochhalten des Zinsniveaus in den neunziger Jahren planmäßig
vorangetrieben, um so ausländisches Kapital anzuziehen. Das benötigen
sie um das gigantische Defizit in der Handelsbilanz (2000: 452 Mrd. $)
bezahlen zu können. Mit verheerenden Folgen für die Schwellenländer,
die ihre Importe mit überteuerten Dollar bezahlen müssen. Diesem
Vorgehen ist mit keiner Tobinsteuer beizukommen, weil es offizielle "Greenspanpolitik"
und keine Spekulation wäre.
3. Vielfach sind die Währungen der Schwellenländer überbewertet,
weil dadurch die notwendigen Importe, gerechnet in eigener Währung,
billiger werden Eine Ölrechnung in Höhe von 100 Mill. Dollar
für Brasilien bleibt eine Ölrechnung in 100 Mill. Dollar, aber
es macht binnenwirtschaftlich einen Unterschied, ob dies 100 Mill. Real
oder nach Abwertung 200 Mill. Real bedeutet, also ob für die Zahlung
der Ölrechnung für 100 bzw. Millionen Real an Güterwert
aufgebracht werden muss. Der Preis für die Überbewertung ist
oft ein Defizit in der Handelsbilanz und, durch Mittelabflüsse bei
der Schuldenbedienung, auch der Kapitalverkehrsbilanz. Um dieses ausgleichen
zu können, sind diese Länder gezwungen, Kapitalimport attraktiver
zu machen. Dies geschieht durch ausländische Direktinvestitionen
und staatliche Anleihen. Ersteres verlangt attraktive sozialpolitische
Bedingungen bei Produktivinvestitionen und das heißt soziale Nachteile
für die Bevölkerung, und bei Kapitalimport durch Engagements
ausländischer "Investoren" durch Aktienkauf inländischer
Unternehmen Verschlankung der übernommenen Betriebe und oft Entlassungen.
Das zweite, Staatsanleihen, die vor allem ausländischen Banken angeboten
werden, bedeutet wegen der großen Risiken hohe Verzinsung. US-Banken
erwerben solche Anleihen nur, wenn sie außerordentlich hoch verzinst
sind. Russische Staatspapiere trugen zeitweise eine Verzinsung von über
100%. Die Deutsche Bank machte damit große Gewinne, obwohl die Schuldtitel
nicht einbringbar waren und umgeschuldet werden mussten. Statt Tobinsteuer
zahlen zu müssen, erhielt die Deutsche Bank eine Steuergutschrift
wegen der Bilanzverluste bei russischen Papieren. Das Ganze führt
regelmäßig zum Kollaps der Wirtschaft betroffener Länder.
Das innere Zinsniveau in diesen Ländern ist wegen dieser Manipulationen
viel zu hoch und erwirkt Stagnation (Argentinien, Türkei 2001); durch
die hohen Außenzinsen bricht das ganze System (Russland 1997) regelmäßig
zusammen. Die Überbewertung macht solche Länder zu bevorzugten
Ziele der Spekulantenangriffe.
4. Devisenspekulation ist nur möglich, wenn es flexible Wechselkursen
gibt. Bei starren Wechselkursen oder bei Schwankungen innerhalb bestimmter
geringer Bandbreiten sind Länder mit Wirtschaftsproblemen zwar gegen
Spekulantenangriffe gesichert, haben bei "externen Schocks"
(etwa schnellen Ölpreiserhöhungen) keine Möglichkeiten,
den Schock durch Wechselkursänderungen abzufedern. Internationale
Konzerne lieben hektische Kursänderungen nicht, andererseits scheuen
sie nicht, sich selber an Devisenspekulation zu beteiligen (Gerlingkonzern
in den siebziger, VW in den achtziger Jahren). Die Vorteile, sicherer
kalkulieren zu können, überwiegen aber, deswegen waren die Konzerne
Befürworter der Etablierung der europäischen Währungsunion.
Die (neo-)liberale Dogmatik befürwortet "freie" Geldmärkte
und daher Währungskurse, die "frei" auf dem Geldmarkt ermittelt
werden.
Die Tobinsteuer war Anfang der 70er Jahre ein Regulierungsversuch nach
dem Zusammenbruch des Bretton-Woods-Systems fester Wechselkurse. Heute
entstehen große Währungsblöcke, ein Dollarzone, eine Eurozone
und eine Yenzone. In Südamerika versucht eine Reihe von Ländern
ihre Währung fest an den Dollar binden, wie Argentinien und Brasilien.
In Osteuropa, wo die D-Mark eine große Rolle spielte, wird der Euro
feste Bezugsgröße für Krone, Forint, Zloty, Rubel usw.
werden. Devisenspekulation wird in der Zukunft eine geringere Rolle spielen,
kann aber dennoch in einigen Fällen für erhebliche Turbulenzen
sorgen. Keine Frage: Devisenspekulation, wie überhaupt jede Spekulation,
ist eine soziale Pest. Die Tobinsteuer wird sie weder beseitigen, noch
auch signifikant eindämmen. Die Tatsache, dass Jospin und Schröder
die Tobinsteuer für überlegenswert halten, zeigt schon an, dass
sie erstens nicht kommt und zweitens, dass sie, wenn sie kommt, niemandem
weh tun wird."