Sekten
Grundsätzlich läßt sich ein theologischer
von einem umgangssprachlichen Sektenbegriff unterscheiden. In der Theologie
ist eine Sekte eine Abspaltung von einer der großen christlichen
Kirchen. Aus der Sicht dieser Kirche hat die abgespaltene Gruppe den Boden
des gemeinsamen Glaubens verlassen oder die alten Glaubenswahrheiten verändert
und ist somit zur "Sekte" geworden. Meist verschlechtert sich
die Beziehung zwischen beiden soweit, daß die Sekte ihrer Mutterkirche
jegliche Glaubwürdigkeit abspricht und für sich selbst beansprucht,
den einzig wahren Weg zu Gott oder zum Heil des Menschen zu kennen. Häufig
fordert sie von ihren Anhängern im gleichen Atemzug totale Unterordnung.
Dieser Prozeß der "Versektung" läßt sich am
Beispiel der Zeugen Jehovas gut
zeigen: Ursprünglich hatten sich lediglich einige besorgte Menschen
zum Bibellesen zusammengefunden. Diese wollten keinesfalls eine "Sekte"
gründen. Im Laufe der Jahre entstand in diesem Kreis jedoch die Überzeugung,
daß nur hier das Wort Gottes angemessen gedeutet und verstanden
werden kann und die großen Kirchen verdorben seien. Immer mehr definierten
sich die Zeugen Jehovas gerade über ihre Ablehnung der christlichen
Kirchen. Heute zählt man die Zeugen Jehovas neben der Neuapostolischen
Kirche und anderen Gemeinschaften zu den "klassischen christlichen
Sondergemeinschaften", oder eben verkürzt zu den "klassischen
Sekten". Diese haben eine christliche Wurzel, sie entziehen sich
(mehr oder weniger) ökumenischer Zusammenarbeit mit anderen christlichen
Gemeinschaften und beanspruchen für sich, den einzig richtigen Weg
zum Heil zu kennen.
Der umgangssprachliche Sektenbegriff bezeichnet in erster Linie eine Abweichung
vom Wertekonsens der Gesellschaft: Eine Gruppe wird als "Sekte"
empfunden, die (im harmlosen Fall) aus der bürgerlichen Welt aussteigt
und zurückgezogen in einer Landkommune lebt, oder die radikal aussteigt,
fremde Heilsideen aufnimmt und skrupellos die eigenen Interessen verfolgt.
Deutlich wird dieser umgangssprachliche Gebrauch des Sektenbegriffs mit
Blick auf die derzeit in der Öffentlichkeit viel diskutierte Scientology-Organisation.
Bei Scientology handelt es sich weder um eine Abspaltung von einer Mutterreligion
noch überhaupt um eine Religionsgemeinschaft. Daß sie dennoch
umgangssprachlich häufig als "Sekte" bezeichnet wird, hängt
mit der Lebenswirklichkeit dieser Organisation zusammen: Sie wird als
hochideologisierte Gruppe mit beängstigenden Visionen erlebt, als
verschworene Gemeinschaft, welche rücksichtslos die eigenen Ziele
verfolgt. Die Parallelen zu den Zeugen Jehovas liegen also in der Unterdrückung
und Ausbeutung der Mitglieder und der Abwendung von bestimmten, allgemein
geteilten Regeln und Moralvorstellungen.