Nordirlandkonflikt
Bis ins 17.Jahrhundert war Nordirland zwar vorrangig
von katholischen Iren bewohnt, befand sich aber offiziell unter englischer
(normannischer) Verwaltung. Im 17.Jhdt siedelte sich eine große
Zahl englischer Protestanten in Nordirland an, die von Chromwell Ländereien
als Belohnung für ihre Kriegsdienste erhalten hatten. Der Sieg des
Protestanten William von Oranien (William of Orange) über den Katholiken
James II in der Schlacht von Boyne 1690 (sie ist die entscheidende aber
nicht die letzte Schlacht. Der Orange Day am 12. Juli geht auf die Schlacht
bei Aughrim nahe Ballinasloe, County Galway 1691 zurück, die als
letzter Kampf gilt) entschied die von da an geltende Vorherrschaft der
protestantischen (anglikanischen) Briten in Nordirland. Unabhängigkeitsbestrebungen
führten 1798 zur Abschaffung des autonomen Parlaments und 1801 schließlich
zur Annektion Irlands durch den Rest Brittaniens im "Act of Union".
1919 begründeten die für das Londoner Oberhaus gewählten
Vertreter Sinn Féins ein eigenes Parlament und proklamierten die Unabhängigkeit Irlands.
Aus Rücksicht auf die Protestanten im Norden Irlands teilte London
1920 das irische Parlament in ein Nord- und ein Restirisches Parlament
und im "Anglo-Irish Treaty" im Dezember 1921 wurden die Grenzen
zwischen Nordirland und Irland so festgelegt, wie wir sie heute kennen.
In Nordirland leben zum einen katholische Iren, die sich teilweise der
ebenfalls katholischen Republik Irland zugehörig fühlen, und
zum anderen protestantische (anglikanische) Iren, die sich eher dem ebenfalls
anglikanischen Britischen Empire zugehörig fühlen. Nordirland
hat ca. 1,5 Millionen Einwohner. Davon sind etwa 55% Protestanten und
ca. 35% Katholiken. Die restlichen 10% entfallen auf andere Religionsgruppen
Obwohl die Katholiken Nordirlands einen nicht zu verachtenden Anteil an
der Bevölkerung der sechs Counties ausmachten, wurden sie dennoch
in fast allen Lebensbereichen unterdrückt und diskriminiert. Dieses
"Apartheidsystem" nordirischer Prägung beschnitt nicht
nur die politischen Rechte der Minderheit, sondern verhinderte auch lange
Zeit den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Aufstieg ihrer Mitglieder.
Gerade die Ungerechtigkeiten bei der Verteilung von Arbeitsplätzen
trieben viele junge Katholiken in die Emigration. So wanderten zwischen
1961-1971 doppelt so viele Katholiken wie Protestanten aus. Das Verhältnis
bei den Arbeitslosen selbst zeigt diese Tendenz noch deutlicher: 1971
betrug die Arbeitslosenrate unter männlichen Katholiken 17,3 % -
im Vergleich zu 6,6 % im Bereich der protestantischen Bevölkerung.
Die Konflikte der beiden größten religiösen Volksgruppen werden ab den 60er Jahren verstärkt über die Terrororganisation Irish Republican Army (IRA) auf Seiten der katholischen Republikaner ( wegen der angestrebten Vereinigung mit der Republik Irland) und der Ulster Defence Army, Ulster Voluntary Force und Ulster Freedom Fighters auf der protestantischen (Unionisten oder Loyalisten) Seite sowie zwischen der katholischen Partei Sinn Féin und Ian Payslys Democratic Protestant Unionist Party ausgetragen.
Die IRA gründete sich bereits 1919 als Armee der parlamentarischen
Bewegung Irlands und wurde wegen ihrer brutalen Praxis 1922 in beiden
Teilen Irlands verboten.
Den Beginn einer neuen blutigen Ära des Terrorismus stellt der 30.
Jannuar 1972 - der "Bloody Sunday" dar. Während einer verbotenen
Demonstration der Civil Rights Association in Derry eröffnen Soldaten
des Ersten Bataillons des Fallschirmspringerregiments das Feuer - 13 unbewaffnete
Teilnehmer sterben im Kugelhagel. Die direkte Konsequenz aus den Vorfällen
des "Bloody Sunday" war, daß nun nach einen halben Jahrhundert
der nordirischen Selbstverwaltung Nordirland wieder direkt von Westminster
aus regiert wurde. Die traurige Bilanz des Jahres 1972: 467 Terroropfer
sind zu beklagen - davon 332 Zivilisten.
Am Karfreitag, dem 10. April 1998, wurde ein Abkommen zwischen Nordirland,
der Republik Irland und Großbritannien über das Vorgehen im
nordirischen Friedensprozess beschlossen, das sogenannte Karfreitagsabkommen.
Es wurde durch ein Referendum in Nordirland und der Republik Irland ratifiziert.
Es legt einerseits fest, dass die Republik Irland den Anspruch auf die
sechs Countys Nordirlands aus der Verfassung streicht, andererseits wurde
die Selbstverwaltung Nordirlands durch ein eigenes Parlament in Stormont
(Belfast) festgelegt. In der Folge waren unter anderem grenzüberschreitende
Einrichtungen, die Entwaffnung der IRA und die Umgestaltung der nordirischen
Polizei durchzusetzen. In einem recht quälenden Prozess wurde inzwischen
vieles realisiert, wenngleich die Gefahr des Scheiterns noch nicht gebannt
ist.
Die nordirische Exekutive wurde nach Spionagevorwürfen gegenüber
der Sinn Féin auf Drängen der Unionisten im Oktober 2002 suspendiert;
auch nach den Wahlen vom November 2003 konnten sich die Parteien nicht
auf eine Regierung einigen.