Kolonialismus


Kolonialismus (lat.: colonia, Niederlassung) bezeichnet die auf Erwerb von Kolonien gerichtete Politik zur wirtschaftlichen, militärischen und machtpolitischen Ausbeutung des Landes und seiner Bewohner. Heute meint man in den europäischen Medien mit Kolonialismus meist auch den europäischen oder "klassischen" Kolonialismus in der Zeit zwischen 1800 und den späten Fünzigern des 20.Jahrhunderts. In diesem Zeitraum hatten England, Frankreich, Italien, Spanien, Portugal, Belgien, die Niederlande und zeitweise auch Deutschland bzw. das "Deutsche Reich" (bis 1918) ausgedehnte Kolonialreiche Afrika und Asien sowie in Süd- und Mittel-Amerika. Der Kolonialismus war von einer bisweilen bestialischen Gewalt gegenüber den Ureinwohnern der Kolonien und den dorthin verbrachten Sklaven geprägt.
Der neuere europäische Übersee-Kolonialismus beginnt 1492 mit der sogenannten Entdeckung Amerikas durch Christoph Columbus. Das Zeitalter des Kolonialismus ging in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg zu Ende, als die letzten ehemaligen Kolonien ihre Unabhängigkeit wiedererlangten. Heute gibt es weltweit keine Kolonien mehr. Dabei ist das Ende der europäischen Kolonien stark mit den beiden Weltkriegen verbunden: Während das "Deutsche Reich" seine Kolonien bereits als Folge des ersten Weltkrieges abgeben musste (sie wurden in Mandatsgebieten des Völkerbundes unter französischer und britischer Kontrolle verwandelt) verloren insbesondere England aber auch alle anderen Konolialstaaten ihre Kolonien im Zusammenhang mit dem 2.Weltkrieg. Die neue Vormachtstellung der USA vor England machte es den Engländern zunehmend unmöglich ihren "Besatzerstatus" in den Kolonien aufrecht zuerhalten. Zudem hatten sich vielerorts Widerstandsbewegungen etabliert, da Englands Aufmerksamkeit durch den 2.Weltkrieg abgelenkt war. Die meisten Kolonien wurden in den 50er und 60er Jahren in die Unabhängigkeit entlassen, als letzte Hongkong 1997 und von Macao 1999.

Eine der drastischen Begleiterscheinungen des europäischen Kolonialismus ist der Sklavenhandel, insbesondere mit Sklaven aus Afrika, die unter unmenschlichen Bedingungen mit Segelschiffen in die Kolonien in Süd- und Mittel-Amerika transportiert wurden. Neuere, dem Kolonialismus ähnliche Vorgänge nennt man "Neokolonialismus".

Heutzutage wird häufig (manchmal sicher auch unbewußt) versucht, den Kolonialismus als Folge fehlender humanitärer Konzepte wie der Charta der Menschenrechte o.ä., also gleichsam als Zeitgeistphänomen, oder als lange anhaltendes Erbe des finsteren Mittelalters drgestellt. Jedoch war die Ungerechtigkeit von Sklaverei und Kolonialismus den Zeitgenossen der großen Kolonisatoren durchaus bewußt. In diesem Zusammenhang empfehlen wir die kurzweilige Lektüre von Voltaires (1694-1778) "Candid" , der bereits 1759 einen ironischen und globalisierungskritischen Kurzroman schrieb, indem er sämtliche Ungerechtigkeiten des Kolonialismus und der Sklaverei deutlich benennt.