Der Jugoslawienkonflikt

1946 rief eine verfassungsgebende Versammlung die Republik Jugoslawien den Partisanenführer Josip Broz Tito (später Marshall Tito oder nur kurz Tito genannt und bis heute in weiten Teilen Ex-Jugoslawiens verehrt) als Ministerpräsidenten aus. Zur ab 1946 umbenannten "Föderativen Volksrepublik von Jugoslawien" gehörten: Serbien, Kroatien, Slowenien, Bosnien-Herzegowina, Makedonien und Montenegro. 1954 deklarierte Tito Jugoslawiens Blockfreiheit und zementierte damit die eher distanzierte Haltung zu Stalin und der Sowjetunion. Dies ermöglichte ein hohes Maß an individueller Freiheit: Jugoslawen konnten zum Arbeiten sowohl in westeuropäische als auch in osteuropäische Staaten auswandern. Jugoslawien (insbesondere die Adria) blieb auch für Westeuropäer ein beliebtes Reiseziel. Titos Politik ermöglichte es den Jugoslawien, immerhin bis zu seinem Tod 1980, trotz überschaubarer staatlicher Repression, friedlich miteinander zu leben. Nach dem Ende der Diktatur Titos führten die Autonomiebestrebungen der unterschiedlichen Volksgruppen zu einer Reihe blutiger Kriege, die schließlich 1999 durch eine Kriegserklärung der Nato an Serbien und vehemente Bombardements vorerst beendet wurden. (Vgl. Kosovo-Krieg)

Kurzer Exkurs über die einzelnen Volksgruppen und deren Bezeichnung.
Die Regionen, aus denen sich Titos Juguslawien zusammensetzte, waren historisch sehr unterschiedlich geprägt. Während der Nordwesten (Slowenien, Kroatien) traditionell römisch-katholisch war, hatte sich während der Besetzung durch die Türken im späten Mittelalter (15.-16. Jahrhundert) eine muslimische Volksgruppe gebildet, die vorangig in der "Mitte" des Landes lebte (Bosnien und Herzegowina). Im Südosten lebten vor allem orthodoxe Christen (Serbien und Montenegro). Man spricht daher von "Serben", wenn man die orthodoxe Volksguppe meint, "Bosnier" bezeichnet die muslimische Gruppe und "Kroaten" die katholische. In der Tito-phase (und auch schon vorher) kam es zu einer teilweisen Vermischung der Volksgruppen. Bosnische Serben sind also in der Regel orthodoxe Christen, die sich der Volksguppe der Serben zugehörig fühlen, aber in Bosnien oder Herzegowina leben. Kroatische Bosnier sind wiederum Muslime, die in Kroatien leben und so fort.
Nach dem Ende der Herrschaft Titos 1980 wurden erste Separations- und Emanzipationsbestrebungen laut. Ab 1991 eskalierte die Situation. Im Kosovo forderte die albanische Minderheit eine Gleichstellung mit den Serben; Slowenien und Kroatien, die beiden reichsten Teilstaaten, erklärten ihre Unabhängigkeit und in Serbien agitierte der nationalistische Sozialist Milosevic für ein Jugoslawien unter serbischer Vorherrschaft. Die inzwischen von Serben dominierte Bundesarmee und paramilitärische Einheiten gingen mit Waffengewalt gegen die Seperationsbestrebungen vor. Es kam zu mehreren Kriegen in Slowenien, Kroatien und Bosnien-Herzegowina, in denen die einzelnen Volksgruppen das Territorium unter sich aufteilten. Im Rahmen dieser Territorialkämpfe kam es auf serbischer aber auch auf kroatischer und bosnischer Seite (zum Teil in unmittelbarer Nähe der dort stationierten UN-Truppen) zu Greueltaten gegen die Zivilbevölkerung, die als "ethnische Säuberungen" verbal verharmlost wurden. Die Auseinandersetzungen gipfelten schließlich vorerst 1992-1995 in der Belagerung Sarajevos (Hauptstadt Bosnien-Herzegovinas) durch die inzwischen serbische Bundesarmee und bosnische Serben. Die Belagerung dauerte mehr als 3 Jahre und wurde schließlich durch ein Bombardement der serbischen Stellungen in den Bergen um Sarajevo durch die NATO beendet.

Im Dayton-Vertrag unterzeichneten am 21. Dezember 1995 in Paris der serbische Präsident Slobodan Milosevic, der kroatische Präsident Franjo Tudjman und der bosnische Präsident Alija Izetbegovic ein Friedensabkommen.

Heute ist das ehemalige Jugoslawien in folgende, autonome Staaten aufgeteilt: Slowenien (seit 2004 Mitglied der EU), Kroatien, Bosnien-Herzegowina, Serbien und Montenegro, Mazedonien.

Seit 1993 tagt das vom UN-Sicherheitsrat ins Leben gerufene "International Criminal Tribunal for the former Yugoslavia" (ICTY) in Den Haag über die während des Krieges begangenen Menschenrechtsverletzungen und Kriegsverbrechen.