Diskurs
Der Begriff Diskurs wurde laut unterschiedlicher philosophischer und allgemeiner
Lexika bis in die 60er Jahre des 20.Jhdts vorrangig in der Bedeutung "erörternder
Vortrag" oder "hin und hergehendes Gespräch" verwendet.
Seit den sechziger Jahren wird der Begriff jedoch zunehmend von sogenannten
Diskurstheorien vereinnahmt und erhält je nach Theorie eine völlig
neue oder doch spezifizierte Bedeutung. Habermas beispielsweise bezeichnet
in seiner Theorie der kommunikativen Rationalität mit Diskurs die
Anlehnung gesellschaftlicher Interaktion an eine Idealform der herrschaftsfreien
(d.h. von den vorhandenen Hierarchien befreiten) und von allen äußeren
Bedingungen losgelösten Aushandlung von Interessen innerhalb einer
Gruppe. Soziale Normen sollten laut Habermas Ergebnis eines Diskurses
sein.
Die aktuelle Popularität des Begriffs "Diskurs" geht jedoch
nicht auf Habermas oder etwa die langweiligen Theorien der Gesprächs-
und Konversationsanalyse der 70er Jahre zurück, sondern auf die Diskurstheorie,
die Michel Foucault (1926-1984) zugeschrieben wird. Grob vereinfacht bezeichnen
die auf Foucault zurückgehenden Theorien den Diskurs als einen Prozeß,
in dem Realität sprachlich erzeugt wird. Der Diskurs definiert für
einen bestimmten Zusammenhang, oder ein bestimmtes Wissensgebiet, was
sagbar ist, was gesagt werden soll und was nicht gesagt werden darf. Der
Diskurs ist dabei nur der sprachliche Teil einer "diskursiven Praxis",
die auch nichtsprachliche Aspekte miteinschließt. In machen Theorien
wird der Vollzug bestimmter (körperlicher) Darstellungsweisen (Performation)
als Teil der diskursiven Praxis verstanden. Beispielsweise radikale feministische
Theorien gehen sogar so weit, die Geschlechtsidentität selbst als
diskursive Praxis und damit den Unterschied zwischen Mann und Frau als
soziale, sprachliche und "performativ affirmierte" Konstruktion
darzustellen.
In der Regel wird der Begriff heutzutage zwar "versuchsweise"
im Hinblick auf Foucault gebraucht, jedoch in seiner alten Bedeutung gemeint,
nämlich als Unterhaltung oder allg. Diskussion. Die Bezugnahme auf
die moderne französische Philosophie wird nur noch in der häufig
skurilen Art der syntaktischen Einbindung deutlich. Von einem "deutschen
Diskurs über den Antisemitismus" im Sinne Foucaults zu sprechen
macht wenig Sinn, wenn man sich dabei nicht selber als Teil dieses Diskurses
versteht und die Produktion von Sinn, Macht und Herrschaft wenigstens
mit meint. So schön der Satz: "Rassismus erscheint im bundesdeutschen
Diskurs nicht als Problem, das die Mitte der Gesellschaft tangiert, sondern
als eine Randerscheinung" klingt, so könnte man den "bundesdeutschen
Diskurs" problemlos durch "in der öffentlichen Diskussion
in der BRD" ersetzen, ohne daß der Satz an Bedeutung verliert.
Ein anderes Beispiel: Der Begriff "Ausländerflut" ist eine Konstante im "Immigrations-Diskurs" in der BRD, ein Begriff, der impliziert, Immigranten träten in "Fluten" und damit als Naturphänomen und Naturkatastrophe auf. Hier fließen mehrere Diskurse ineinander (Katastrophen und Einwanderung beispielsweise). In diesem Zusammenhang heißt dann "Diskurs" nicht mehr nur "Diskussion" sondern eher so etwas wie "sprachlich produzierter Sinnzusammenhang, der eine bestimmte Vorstellung forciert, die wiederum bestimmte Machtstrukturen und Interessen gleichzeitig zur Grundlage hat UND ERZEUGT". Soweit "Diskurs" mit "Diskussion" gleichgesetzt wird, geht ihm ein entscheidender Bedeutungsaspekt verloren: die Eigenschaft, Realität zu erzeugen und zu strukturieren.